Dekanat Dreieich

Angebote und Themen

Herzlich willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote des Dekanates Dreieichzu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

500 Jahre Reformation

Ein Vielzahl von Veranstaltungen beleuchtet die Auswirkungen bis heute

Das reformatorische Gedankengut hat in den letzten 500 Jahren unsere Welt entscheidend mitgeprägt. Bereits im Vorfeld des Reformationsjubiläums widmeten sich die Kirchengemeinden im Rahmen des Jahresthemas im Evangelischen Dekanat DreieichReformation wirkt in meine Welt den zentralen Fragen, wie die Reformation unsere Welt verändert hat und wie sie bis heute die ganz persönliche Welt eines jeden beeinflusst.

Im Jahr 2017 laden das Dekanat und seine Kirchengemeinden herzlich dazu ein, dieses Jubiläum gemeinsam zu feiern: beim Wandern oder Essen, Musik hören oder Diskutieren oder bei einem der Festgottesdienste.

Wir freuen uns auf Sie!

In unserem Flyer haben wir einen bunten Strauß unterschiedlicher Aktivitäten zusammengestellt.

Frauke Grundmann-Kleiner
Vorsitzende des Dekanatssynodalvorstands
Präses der Dekanatssynode
Reinhard Zincke
Dekan

Reformation wirkt in meine Welt

Vortragsreihe zu Reformation und Ökonomie

„Weltweit Vertrauen schenken“ unter dieses Motto fasste Silvia Winkler das Engagement von Oikocredit in ihrem Beitrag zur Vortragsreihe „Reformation wirkt in die Wirtschaftswelt“, die damit am vergangenen Dienstag im Johannes- Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Langen ihren Abschluss fand. Die Geschäftsführerin des Förderkreises Hessen- Pfalz e. V. wandte sich gleich zu Beginn den Wurzeln des ethischen Investitionsgedankens zu: „Was macht mein Geld in der Welt?“ Von dieser Frage ausgehend ergänzte Winkler die Erweiterung des klassischen Anlagezieldreiecks – Sicherheit, Verfügbarkeit und Rendite – um den ethischen Faktor Soziale Wirkung zu einem Viereck.

Diese Kriterien hätten so explizit erstmals methodistische Anleger im 18. Jahrhundert zugrunde gelegt, in dem sie darauf achteten, nicht in Brauereien, in Glücksspiel oder Prostitution zu investieren – Handlungsfelder, die ihren moralischen Überzeugungen widersprachen. Die Quäker, eine protestantische Frömmigkeitsbewegung vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, lehnten zudem ab, ihr Geld in Rüstungsunternehmen oder in Anleihen von Staaten anzulegen, die Armeen unterhielten. Aus dieser zunächst dem eigenen Gewissen verpflichteten Geldanlagestrategie erwuchs nach und nach ein politisches Instrument, mit dem durch die gezielte Vermeidung von Investitionen in bestimmte Unternehmen und Staaten politische Ziele verfolgt wurden, wie beispielsweise im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den USA oder des Apartheidsregimes in Südafrika.

Winkler betonte, dass neben einer Formulierung von Negativkriterien auch zugunsten nachhaltiger sozialer Ziele investiert werden könne. Diese, vor allem in den letzten Jahrzehnten verstärkt geäußerte Idee sei einer der Gründungsimpulse für Oikocredit gewesen. Hervorgegangen ist die Genossenschaft 1975 aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen, einem Zusammenschluss von Kirchen in aller Welt.

Bis heute ist Oikocredit größtenteils in kirchlicher Hand: 550 Kirchen sind Eigentümer der in Holland ansässigen Genossenschaft. Gerade der Genossenschaftsgedanke ist Silvia Winkler besonders wichtig: Jeder Mitgliedsorganisation und jeder Einzelperson, die sich über einen Förderkreis engagiere, sei Teilhaber von Oikocredit. Das genossenschaftliche Prinzip spiegle sich auch in den vielen Kooperationsformen derjenigen wieder, die man mit dem ethischen Investment bei Oikocredit erreichen wolle.

1978 unterstützte Oikocredit mit einem Darlehen von 100.000 US- Dollar die Initiative Fondo Ecuatoriano Populorum Progressio, die ihrerseits Kleinstkredite an ecuadorianische Kleinbauern vergab. Seit diesem ersten Engagement arbeitet Oikocredit nach diesem Prinzip bis heute weltweit mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen. Der Bereich der Mikrokredite stelle mit etwa 80 Prozent die Hauptaktivität von Oikocredit dar, berichtete Winkler. Anhand mehrerer Beispiele stellte sie die Arbeit auf diesem Feld vor und wies darauf hin: „Mikrokredite sind ein wirksamer Hilfsmechanismus für arme Menschen, die ökonomisch aktiv sein wollen und können“ – so wie eine Frau in Kambodscha, die mit Hilfe von Kleinkrediten eine Suppenküche betreibt.

Oikocredit investiert neben der Mikrofinanz auch direkt in Produktionsprojekte in Entwicklungsländern und hat dabei besonders die Selbständigkeit von Kleinbauern, die ökologische Nachhaltigkeit sowie die Förderung von Frauen im Blick. Eine Zuckerfabrik in Paraguay oder ein Solarunternehmen in Indien führte Winkler als Beispiele hierfür an. Zum Abschluss präsentierte sie den von ihr geschäftsführend geleiteten Förderkreis Hessen- Pfalz, über den auch Privatpersonen die Möglichkeit zur Geldanalage bei Oikocredit haben. Ihren Vortrag schloss sie mit einem Zitat von Konrad Reiser, dem früheren Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen und Mitbegründer von Oikocredit, der die Stärkung der Eigenständigkeit der ärmsten Glieder menschlicher Gemeinschaften für den Schlüssel zur Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit hält.
Dr. Boris Slamka

Weitere Informationen:
Dr. Boris Slamka
Referent für Gesellschaftliche Verantwortung
in den Dekanaten Dreieich und Rodgau
Telefon: 06 074 / 48 461 – 22
E- Mail: boris.slamka @ dekanat-rodgau.de

Welthandel und Freihandelsabkommen

Dr. Brigitte Bertelmann zu Reformation und Ökonomie

Um den Welthandel und speziell die aktuellen Freihandelsabkommen ging es im Johannes- Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Langen. Dr. Brigitte Bertelmann, Referentin für Wirtschaft und Finanzpolitik der EKHN, stellte im Rahmen der Jahresthema- Vortragsreihe „Reformation und Ökonomie“ die Geschichte des Freihandels an den Anfang Ihres Vortrags. Die Hanse, erste Handelsverträge aus dem 14 Jahrhundert und der Merkantilismus waren, so die stellvertretende Leiterin des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN, Entwicklungsschritte des Welthandels, der ab dem 18. Jahrhundert auch wirtschaftstheoretisch unter anderem von Adam Smith oder David Ricardo beschrieben wurde. Bertelmann machte hierbei deutlich, dass Handelsverträge auch in der Vergangenheit keineswegs ausschließlich zwischen Partnern vergleichbarer wirtschaftlicher und politischer Stärke geschlossen würden: „Politisch und wirtschaftlich schwächere und instabilere Staaten haben meist deutlich weniger Einfluss auf die Standards und Handelsbedingungen.“

Die momentanen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Handelsvereinbarungen beschrieb Bertelmann auf der Grundlage einer fortschreitenden Liberalisierung, die ihren Ausgangspunkt in der Gründung der Welthandelsorganisation WTO 1995 genommen habe. In der Entwicklungslinie einer Liberalsierung des Kapitalverkehrs und Mechanismen des Investitionsschutzes sowie der Vielzahl von bi- und plurilateralen Handelsabkommen stünden die sich nun in der Verhandlung befindenden Abkommen der Europäischen Union mit Kanada und den USA. Über die gewöhnlichen Merkmale eines Handelsabkommen – dem Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen oder der Stärkung des wirtschaftlichen Wachstums – wiesen sowohl CETA als auch TTIP weit hinaus, so Bertelmann: „Es scheint hier ganz offensichtlich um eine politische Gestaltung der Globalisierung und darum zu gehen, die eigenen Maßstäbe weltweit durchzusetzen.“

Wie sehr dabei auf unterschiedlich Lebens- und Politikbereiche Einfluss genommen würde und wie umstritten dies sei, machte Bertelmann an den Kernpunkten der Auseinandersetzung deutlich. Auf beiden Seiten des Atlantiks herrschten große Bedenken in Bezug auf den Verbraucherschutz und den Umweltschutz sowie in Hinblick auf Arbeitsplätze und Sozialstandards. Darüber hinaus schränkten die aktuellen Planungen kommunale Gestaltungsspielräume ein, was sich nicht nur an einem erhöhten Privatisierungsdruck in Fragen der öffentlichen Versorgung deutlich machen würde. Ein weiterer Aspekt sei der Investitionsschutz: Ausgehend von der Idee, Unternehmen vor Enteignung in politisch unsicheren oder korrupten Ländern zu schützen, führten die vorgesehenen Schiedsgerichte (ISDS für Investor- State Dispute Settlement) zu einer Aushebelung der juristischen und demokratischen Institutionen in den Vertragsländern.

Zusammenfassend und sich auf Ökonomen wie den US- Amerikaner Joseph Stieglitz berufend unterstrich Brigitte Bertelmann die demokratiegefährdende Wirkung der Handelsabkommen in der aktuell verhandelten Form. Doch nicht nur in den Vertragsländern käme es vor diesem Hintergrund zu einer Machtverschiebung: Eine drohende neue Blockbildung, die Wahrung der Interessen von Schwellen- und Entwicklungsländern sowie eine Klarstellung über vermeintliche gemeinsame Werte im globalen Kontext seien essentielle Fragestellungen, so Bertelmann, die in der Öffentlichkeit transparent und mit der Beteiligung aller gesellschaftlichen Akteure diskutiert werden müssten.
Dr. Boris Slamka

Weitere Informationen:
Dr. Boris Slamka
Referent für Gesellschaftliche Verantwortung
in den Dekanaten Dreieich und Rodgau
Telefon: 06 074 / 48 461 – 22
E- Mail: boris.slamka @ dekanat-rodgau.de

Kirchliches Investment – ethisch nachhaltig

Oberkirchenrat Heinz Thomas Striegler erläutert Kriterien des Wirtschaftens

Wie die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ihre Gelder nach ethisch nachhaltigen Kriterien anlegt, erläuterte Oberkirchenrat Heinz Thomas Striegler im evangelischen Stadtkirchen- Gemeindehaus einem hoch interessierten Publikum. Der EKHN- Finanzchef sprach im Rahmen der zentralen Vortragsreihe „Reformation wirkt in die Wirtschaftswelt“ zum aktuellen Jahresthema im Evangelischen Dekanat Dreieich.

Zunächst gab der Leiter der Kirchenverwaltung einen Überblick über die Finanzstruktur der EKHN sowie deren Einnahmen. So erfuhren die Anwesenden, dass sich die Kirchenmittel inflationsbereinigt trotz gestiegener Einnahmen auf dem Stand von 1994 bewegen. Was die Kirchensteuer angeht, nimmt die hessen- nassauische Landeskirche aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung gerade im Rhein- Main- Gebiet derzeit einen der oberen Plätze innerhalb der 20 Landeskirchen der EKD ein.

Bei den Ausgaben entfällt der größte Posten auf Personalkosten, etwa den Pfarrdienst. Zudem beteiligt sich die Kirche als Träger von 600 Kindertagesstätten mit rund 42 Millionen Euro an den laufenden Aufwendungen. Auch die Evangelische Hochschule, drei kirchliche Schulen, der Entwicklungsdienst und das Diakonische Werk erhalten Gelder.

Längerfristig werde sich die Einnahmesituation schon allein aus demografischen Gründen verringern, während auf der Ausgabenseite die Kosten steigen, prognostizierte Striegler. Um Haushaltsschwankungen, den Erhalt von Kirchen, aber vor allem auch die steigenden Kosten für die Altersvorsorge der Mitarbeitenden künftig durch Rücklagen ausgleichen zu können, müsse verantwortungsvoll investiert werden.

Alle Vermögensbereiche zusammengerechnet beläuft sich das Anlagevolumen der EKHN derzeit auf insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro. Zu den Töpfen zählen das Rücklagenvermögen, die Versorgungsstiftung, die Kirchbaurücklage sowie das zentrale Pfarreivermögen, das die Landeskirche treuhänderisch verwaltet. Diese Gelder gelte es, gemäß dem kirchlichen Auftrag anzulegen, so Striegler. Hierfür fügt die EKHN den Charakteristika von Sicherheit, Rendite und Liquidität für ihre Geldanlagen die „ethische Nachhaltigkeit“ als viertes Kriterium hinzu, um mit Verantwortung Gewinne erzielen zu können.

Konkret bedeutet das, dass Geldanlagen sozial verträglich, ökologisch und generationengerecht sein müssen. Für Investitionen in Unternehmen und Staaten gelten ebenso strenge Ausschlusskriterien wie für Finanzprodukte: An Steuersparmodellen oder Steuervermeidungsstrategien beteiligt sich die EKHN genauso wenig wie an Wertpapierleihen, Hedgefonds, Direktinvestments in Rohstoffe und Nahrungsmittelspekulationen. Außen vor sind ferner Unternehmen, die Rüstungsgüter (insbesondere „geächtete Waffen“), hochprozentige Spirituosen, Tabakwaren, gentechnisch verändertes Saatgut, kontroverse Glücksspiele und Pornographie anbieten. Auch solche, die unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und mit Kinderarbeit oder nicht vorgeschriebenen Tierversuchen produzieren, scheiden aus.

Von Ländern, die die Todesstrafe praktizieren, als „nicht frei“ klassifiziert sind oder international als besonders korrupt wahrgenommen werden, werden keine Staatsanleihen erworben. Ebenso wenig von Nationen, die weder die aktuellen Klimaschutzprotokolle noch die Bio- Diversitäts- Konventionen der UN ratifiziert haben. Diese Richtlinien haben bei Staatsanleihen den Ausschluss von etwa 90 Prozent der Staaten zur Folge. Beim gesamten Anlageuniversum an Aktien und Unternehmensanleihen sind acht Prozent betroffen.

Trotzdem, so Striegler, zahlen sich ethisch nachhaltige Geldanlagen auf lange Sicht aus. Außerdem, so der Experte, bringen sie nicht weniger als „normale“ Investments. Privaten Anlegern, die sich genauer informieren wollen, empfahl er den Leitfaden für ethisch nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche. Als Vorsitzender des Arbeitskreises Kirchliche Investments in der EKD war er wesentlich an der Entwicklung des Papiers beteiligt, das im September 2011 erstmals aufgelegt wurde. Das Dokument wird seither kontinuierlich weitergeführt und wird demnächst in einer dritten aktualisierten Version erscheinen. Weitere Informationen unter www.aki- ekd.de.

Auf das breite berufliche Profil des Referenten hatte Moderator Dr. Boris Slamka, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung in den Evangelischen Dekanaten Dreieich und Rodgau, bereits bei der Einführung hingewiesen: Striegler, Jahrgang 1957, ist Volljurist mit volkswirtschaftlicher Zusatzqualifikation. Bevor er 2002 die Leitung der Finanzabteilung der EKHN übernahm, sammelte er in unterschiedlichen Führungspositionen unter anderem Erfahrungen als Kämmerer sowie Verantwortlicher für Personal und Recht in Wirtschaft, Wissenschaft, Ministerial- und Kommunalverwaltung. 2004 wurde er zum Leiter des Dezernats Finanzen, Bau und Liegenschaften ernannt, seit 2010 leitet er die Kirchenverwaltung. Striegler ist Präsidiumsmitglied der Evangelischen Ruhegehaltskasse und sitzt dem Aufsichtsrat der Evangelischen Zusatzversorgungskasse vor. Darüber hinaus ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Evangelischen Bank.

Reformation und Ökonomie

Ein schwieriges Thema einem breiten Publikum verständlich gemacht

„Reformation wirkt in die Wirtschaftswelt“ ist die vierteilige zentrale Vortragsreihe zum aktuellen Jahresthema im Evangelischen Dekanat Dreieich überschrieben. Den Anfang machte Dr. Magnus Ressel vom Historischen Seminar der Goethe-Universität in Frankfurt mit einem Beitrag zum Thema „Reformation und Ökonomie. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung von Martin Luther bis Max Weber“. Er ging darin der Frage nach, inwieweit sich die Ideen der Reformatoren auf die ökonomische Entwicklung ausgewirkt haben. Das komplexe Thema war auf großes Interesse gestoßen, so war das Langener Stadtkirchen-Gemeindehaus bis auf den letzten Platz besetzt.

Eingangs stellte Ressel das ökonomische Denken zu Luthers Zeiten vor. Die wesentlichen Beiträge hierzu stammten aus dem Italien der Renaissance und forderten möglichst große Freiheiten für Kaufleute. Diesen „modernen“ Anschauungen trat Luther entschieden entgegen. Ausgehend von der Überzeugung des Soziologen Max Weber, das Luthertum sei „eine Theologie für die obrigkeitshörige Bauernschaft“, ermöglichte Ressel seinen den Zuhörern in der Folge eine differenziertere Sicht auf die ökonomischen Überlegungen des Reformators. So stimmte er Webers Vorwurf aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, Luthers wirtschaftliches Denken sei rückständig, ausdrücklich nicht zu. Er legte dar, dass dessen volkswirtschaftliche Betrachtungen im Gegenteil von solcher Qualität seien, dass sie sich in der heutigen wirtschaftsgeschichtlichen Forschung weitgehend bestätigt fänden.

So habe Luther Kapitalgesellschaften abgelehnt, da ihre Investitionen im Ausland zu einem vermehrten Abfluss von Gold und Silber in Deutschland beitrugen. Weiterhin war er gegen überhöhte Zinsen und Wucher sowie die Hortung von Geldschätzen. Somit habe man es hier eigentlich mit einer recht modernen Wirtschaftsauffassung zu tun.

Einen Schwerpunkt legte Ressel auf Luthers Tätigkeit als Sozialreformer, die nach Meinung der Soziologen fundamentale Wirkmacht bis heute hat. So prägte er unseren Begriff von Beruf, der sich von Berufung ableitet. Nur wenn wir einer Arbeit nachgehen, handeln wir dem Gebot der Nächstenliebe gemäß: „Dienst in der Welt als Dienst am Nächsten“. Betteln hingegen ist nach Luther Diebstahl am Nächsten. Die von ihm formulierte „Leisniger Kastenordnung“ aus dem Jahr 1525, in der das Sozialwesen über eine Armenkasse neu geordnet wurde, hatte seinerzeit Vorbildfunktion für viele evangelische Städte und enthält bereits viele Elemente unseres heutigen Sozialstaats.

Insgesamt sieht Ressel viele Charakteristika der deutschen und skandinavischen Gesellschaften bereits in Luthers Theologie angelegt. Als konkrete Beispiele nannte er abschließend neben der gewollt starken Rolle des Sozialstaats eine Skepsis gegenüber exzessivem wirtschaftlichen Handeln und Gebaren, die starke Bedeutung der Arbeit als wesentliche Erfüllung unseres „Sinns“ auf Erden sowie das Streben nach „Inklusivität“ als direkte Folge des unbedingten Gebots der Nächstenliebe.

Besonders angetan zeigte sich der Wissenschaftler, dass sich auch etliche Schüler der Jahrgangsstufen acht und zehn der Langener Dreieich- Schule in seinem Auditorium befanden. Die Gymnasiasten bereicherten zudem mit interessierten Nachfragen die Diskussionsrunde im Anschluss an seinen Vortrag. Ressel war wiederum in der Lage, als Fachmann auf die unterschiedlichsten Fragen fundiert und verständlich zu antworten. Derzeit arbeitet der Historiker als Forschungsstipendiat an der Universität in München an seiner Habilitationsschrift über die protestantische Kaufmannsgemeinde im Venedig des 18. Jahrhunderts.

Dekan Reinhard Zincke äußerte sich erfreut über die hohe Resonanz – handelte es sich doch um die Auftaktveranstaltung zum neuen Jahresthema „Reformation wirkt in meine Welt“ im Evangelischen Dekanat Dreieich. „Mit unserem Jahresthema wollen wir im Vorfeld der Reformationsfeierlichkeiten im Jahr 2017 herausarbeiten, wie sehr die Reformation unsere Welt insgesamt verändert hat und wie sie bis heute in die persönliche Welt eines jeden hineinwirkt“, so der Dekan.

Hierzu ist eine Vielzahl von Aktivitäten geplant. Den Beginn markiert diese Reihe in der Evangelischen Kirchengemeinde Langen, bei der Experten verschiedene Aspekte zu den Auswirkungen der Reformation auf die Wirtschaftswelt beleuchten. Die Moderation liegt bei Dr. Boris Slamka, Referent für Gesellschaftliche Verantwortung in den Evangelischen Dekanaten Dreieich und Rodgau.

Jahresthema „Reformation wirkt in meine Welt“

Mit großen Schritten nähern wir uns dem Reformationsjubiläum 2017. Zahlreiche Feierlichkeiten und Zusammenkünfte sind deutschlandweit geplant. Auch in unserem Dekanat wird es unterschiedliche Anlässe geben, 500 Jahre Reformation gebührend zu feiern.

Doch zuvor wollen wir uns hier vor Ort mit der Frage beschäftigen, wie die Reformation unsere Welt verändert hat und wie sie in die ganz persönliche Welt eines jeden hineinwirkt:
• Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Martin Luther hat unsere deutsche Sprache nachhaltig geprägt. Vom Gedanken des mündigen Christen, der selbst die Heilige Schrift lesen kann, ging ein starker Bildungsimpuls aus.
• Die Betonung des Einzelnen in Luthers Schriften hat eine Individualisierung in Gang gesetzt, die sich bis heute in gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen niederschlägt. Das „Priestertum aller Getauften“ beförderte letztlich auch moderne Partizipationsgedanken und demokratische Beteiligungsprozesse.
• Indem sich die Reformation der damals neuen Kommunikationsmittel (Flugschriften und Buchdruck mit beweglichen Lettern) bediente, konnte sie erst ihre Dynamik entfalten. Die digitale Revolution bietet heute ganz neue Chancen, das Evangelium zu kommunizieren.
• Die Möglichkeit, als kirchlicher Amtsträger heiraten zu können, veränderte auch das tradierte Familien- und Gesellschaftsbild. Das evangelische Pfarrhaus war lange Zeit Vorbild für die bürgerliche Familie.
• Die zentrale theologische Einsicht Martin Luthers und der Reformatoren, dass der Glaube an die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, nicht aber aufgrund der Werke des Gesetzes gilt, hat der weltweiten Freiheitsbewegung einen entscheidenden Schub versetzt, der bis in die heutige Zeit seine Wirkung zeigt.

Einige dieser Aspekte möchten wir in den kommenden Monaten näher beleuchten. Den Auftakt bildet eine Vortragsreihe in der Evangelischen Kirchengemeinde Langen, in der Experten verschiedene Aspekte zu den Auswirkungen der Reformation auf die Wirtschaftswelt beleuchten. Unter dem Oberbegriff „Reformation und die Eine Welt“ steht eine Vortragsreihe der Evangelisch- Reformierten Gemeinde am Marktplatz in Neu- Isenburg. In den „Buchschlager Gesprächen“ der Evangelischen Versöhnungsgemeinde Buchschlag- Sprendlingen wird es unter anderem um die „neue Alphabetisierung des Glaubens“ gehen. Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Dekanate Rodgau und Dreieich werden sich in ihrem gemeinsamen Pfarrkonvent Anfang März ebenfalls mit der Reformation beschäftigen. Auch der Kantategottesdienst mit anschließendem Dekanats- Jahresempfang in Egelsbach steht unter diesem Motto. Eine Tagung zur neuen digitalen Reformation organisiert die Evangelische Kirchengemeinde Egelsbach gemeinsam mit dem Medienhaus und der EKHN Ende April im Haus des Lebenslangen Lernens in Dreieich. Den vorläufigen Höhepunkt bildet die ökumenische Nacht der Kirchen Anfang Juni in Langen.

Die einzelnen Veranstaltungen, die bis zur Sommerpause zum Jahresthema geplant sind, haben wir in einem Veranstaltungsflyer zusammengestellt: Download (240,58 KB)

Frauke Grundmann- Kleiner
Vorsitzende des Dekanatssynodalvorstands,
Präses der Dekanatssynode

Reinhard Zincke
Dekan

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top